LiberoVision: Neue Einsichten dank magischer Kamera


Die Greater Zurich Area ist Fussballregion und Zürich eine Fussballstadt: Hier werden nächsten Sommer drei Spiele der EURO 2008 ausgetragen. Hier steht das «Home of FIFA». Und hier haben zwei junge Informatiker ein System entwickelt, das Fussball-Fans bei Fernsehübertragungen mit spektakulären Ansichten füttert.

Fussballfans wissen: Im Stadion können noch so viele Kameras herum stehen – bei umstrittenen oder besonders wichtigen Szenen gibt es verhexterweise meist keine Aufnahmen aus einem idealen Winkel. Hat der Linienrichter nun ein Offside übersehen oder nicht? Stand der Torhüter falsch? Schön wäre, man könnte in solchen Momenten das Bild anhalten und die Situation noch einmal von allen Seiten genau betrachten – von oben, aus Sicht des Linienrichters oder eines einzelnen Spielers.

Perfekte künstliche Bilder
Die «magische Kamera» des Zürcher Start-up-Unternehmens LiberoVision macht solche visuellen Nachforschungen ab sofort möglich. Der Name der High-Tech-Innovation ist allerdings so hübsch wie unzutreffend, denn es handelt sich bei LiberoVision weder um eine Kamera, noch um Zauberei – sondern um ein aufwändig ausgeklügeltes Computerprogramm. Innerhalb weniger Minuten stellt es aus vorhandenen echten Aufnahmen so etwas wie ein virtuelles Situationsmodell her, das man per Mausklick von allen Seiten betrachten kann. Dass es sich bei den hochqualitativen Bildern von LiberoVision um computergenerierte Darstellungen handelt, sieht man ihnen allerdings nicht an – sie haben nichts mit der Anmutung animierter Filme oder von Computerspielen gemein und lassen sich kaum von echten Fernsehbildern unterscheiden.

Fussballfans und Informatiker
«Die Bildqualität ist die entscheidende Innovation», sagt Christoph Niederberger, CTO von LiberoVision. «Bereits heute gibt es bei Fussballübertragungen 3-D-Darstellungen wichtiger Situationen – aber diese sehen aus, als stammten sie von einer Playstation.» Die ungenügende Visualisierung habe ihn und seinen Kollegen Stephan Würmlin geärgert, erzählt Niederberger. Weil die beiden heute 32-jährigen Basler an der ETH Informatik studierten und am Computer Graphics Laboratory der Hochschule an Dissertationen über 3-D-Videos und Computerspiele arbeiteten, lag es nahe, dass sie sich Gedanken über Alternativen zu den unzureichenden 3-D-Simulationen bei Fussballspielen machten. «Wir wollten ein System entwickeln, bei dem man nicht merkt, dass ein Computer dahinter steckt», sagt Niederberger.

Unterstützung von allen Seiten
Das sei eine grosse Herausforderung gewesen. «Auf der ganzen Welt gibt es nur ganz wenige Teams, die einer solchen Aufgabe gewachsen sind. Die ETH Zürich hat sich in diesem Bereich über Jahre hinweg eine Leaderposition erarbeitet.» In der Schweiz sei zudem das Umfeld ideal, um eine solche Innovation zur Marktreife zu bringen. Weil die ETH ein grosses Interesse am Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft hat, unterstützte sie Stephan Würmlin und Christoph Niederberger bei der Gründung ihres Spinoff-Unternehmens LiberoVision. Support leistet auch KTI, die Technologie-Förderstelle der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Zudem erhielt LiberoVision den prestigeträchtigen «Swiss Technology Award». «Ja, Jungunternehmer finden hier einen guten Boden», ist Niederberger überzeugt. «Und in unserem Fall ist auch die zentrale Lage der Schweiz vorteilhaft. 3 der 5 europäischen Topligen – die französische, deutsche und italienische – sind in Nachbarländern daheim, Spanien und England können wir auch schnell erreichen. Wir befinden uns im Zentrum des Fussballs!»

Erst der Fussball, dann der Film?
Dass die Fernsehsender in den Nachbarländern schon bald mit der magischen Kamera arbeiten werden, bleibt für Niederberger keine Frage. Zu den Vorteilen von LiberoVision gegenüber vergleichbaren Systemen zählt neben der Bildqualität die Tatsache, dass die Technologie aus Zürich mit sehr wenig Quellmaterial auskommt – die Datenströme zweier unterschiedlich positionierter Kameras reichen bereits aus, um die magische Kamera fliegen zu lassen. Setzt eine Fernsehanstalt auf dieses System, bedeutet das für sie daher keinerlei Mehraufwand; ein Mitarbeiter von LiberoVision dockt sich einfach im Übertragungswagen an den Server an, in dem sämtliche Datenströme der Kameras zusammen laufen, lädt die wichtigsten Sequenzen in sein System und bereitet daraus die Daten für die magische Kamera auf. Noch kann LiberoVision innerhalb nützlicher Frist nur bewegliche Bilder einer sozusagen gefrorenen Situation produzieren, irgendwann sollte es aber möglich sein, bewegte Sequenzen herzustellen. «Dann wird LiberoVision auch für die Filmbranche interessant», ist Christoph Niederberger überzeugt.

Schon diese Saison auf Sendung
Vorderhand dreht sich beim Jungunternehmen aber alles um Fussball. Der Markt für LiberoVision liege im zweistelligen Millionenbereich, sagt Niederberger. Ein Fernsehsender, der LiberoVision implementiert, kann seinen Zuschauern attraktivere Bilder liefern als die Konkurrenz – unter Umständen ein gewichtiges Argument im Kampf um Publikumsgunst und Werbegelder. Das Schweizer Telekommunikationsunternehmen Swisscom hat das Potenzial der magischen Kamera erkannt und sich mit 8 Prozent an LiberoVision beteiligt. «Swisscom kann unsere Technologie vielleicht auch für Internetangebote nutzen», sagt Christoph Niederberger. «Eine interaktive Applikation könnte es den Zuschauern zum Beispiel künftig erlauben, Szenen aus frei wählbaren Blickwinkeln zu betrachten – und eigene Einsichten in ein Spiel zu gewinnen.» Vorderhand gibt's die magische Kamera aber erst am Fernsehen. LiberoVision ist mit dem Schweizer Pay-TV-Sender Teleclub eine strategische Partnerschaft eingegangen. Der Privatsender überträgt die Spiele der Schweizer Super League – und wertet das Topspiel jeweils mit LiberoVision auf. «Dieses Engagement hilft uns, unser Angebot zu verbessern und noch besser auf die Bedürfnisse der Sportredaktionen auszurichten», ist Christoph Niederberger überzeugt. Damit wird LiberoVision fit für die grossen Ligen Europas – und vielleicht auch für die EURO 2008.





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