Im Sommer lebt Zürich im Wasser und abends „open air“
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Keine andere Stadt ist so konzentriert in Bewegung wie Zürich. Wer am Hauptbahnhof in Zürich aus dem Zug steigt, ist schon mitten im Geschehen.
Frühmorgens strömen die Pendler und Besucher aus der Halle und mischen sich schnell unter die Anwohner. Sie verteilen sich mit agiler Geschäftigkeit auf der Banken- und Shoppingmeile Bahnhofstrasse. Hier herrscht permanente Modeschau, hier gibt’s Täschchen von Louis Vuitton, Kostüme von Chanel, Uhren von Bulgari. Für die Stärkung zwischendurch geht’s am Paradeplatz eine steile Treppe hoch ins Café Sprüngli, wo sich die gutbetuchten Damen Zürichs Brioches im Mund zergehen lassen. Noch hundert Schritte, und schon glitzern See und Limmat. Auf der anderen Uferseite beginnt die Altstadt und mit ihr das flippige Zürich. Am Eingangstor, dem Bellevue, locken Odeon und Kronenhalle nach dem Motto „sehen und gesehen werden“. Dann öffnet sich im Dreieck Grossmünster, Neumarkt und Predigerkirche eine Welt voller Kreativität: Im multikulturellen Niederdorf mit Kolonialwarenhändlern und Boutiquen, im diskreten Oberdorf mit Antiquariaten und Galerien. Wie an der Bahnhofstrasse ist man auch in der weitgehend autofreien Altstadt zu Fuss unterwegs.
Nach Ladenschluss erhält die Innenstadt ein anderes Gesicht. Die Gastronomie und die Bars der Altstadt stehen im Mittelpunkt. Auch anderswo steigt der Puls. Der Zürcher schwingt sich auf sein Citybike oder setzt sich ins Tram und begibt in den angesagten Stadtteil Zürich West. Wo früher Stahlarbeiter Turbinen bauten, ist in den letzten Jahren ein Boomquartier für Kreative aller Couleur entstanden – Artworker, Fruchtsaftproduzenten und Clubbetreiber. Nirgendwo in Europa ist die Clubdichte höher. Partygänger treffen sich im Rohstofflager zum Abtanzen, dem heissesten Club, der Techno-Trends auch anderswo setzt. Kulturbeflissene zeigen sich an der Vernissage im Löwenbräu-Areal und besuchen dann die Theaterpremiere im Schiffbau, der progressiven Dependance des Schauspielhauses. Freitag- und Samstagnacht und vor Feiertagen verteilen durchgehend fahrende Nachtbusse die Unentwegten wieder in die Aussenquartiere.
Fluss- und Seebäder, die abends zur Bar werden
Die See- und Flussbäder von Zürich verbinden eine über hundertjährige Badetradition mit modernem Lifestyle. Wenn sich nach Sonnenuntergang die Froschmänner und Badenixen verzogen haben, werden sie zu stimmungsvollen nächtlichen Treffpunkten. Die Badibars, wie die Zürcher ihre In-Places nennen, bieten neben Caipirinha und Grillwürsten auch geistige Nahrung in Form von Lesungen oder Openair-Konzerten. Weil Alkohol ausgeschenkt wird, darf abends niemand mehr ins Wasser.
Nirgends lässt sich der Blick auf die Skyline von Zürich besser geniessen als in der Barfussbar in der Frauenbadanstalt nahe der Quaibrücke. Tagsüber haben nur Frauen Vortritt, abends können sich hier auch Männer die Schuhe ausziehen. Um die altehrwürdigen Bretter zu schonen, betritt man sie nur barfuss. Frühes Erscheinen ist von Vorteil, denn nach 150 Paar Schuhen ist das Boot voll. Das Pendant zur Frauenbadanstalt, die Männerbadeanstalt am Schanzengraben, liegt etwas versteckt zwischen der neuen Börse und dem alten botanischen Garten. Tagsüber badet hier eine quirlige Mischung aus Bankern und orthodoxen Juden, am Abend treiben auch Frauen in der Rimini-Bar die Stimmung in Höhen wie an der Adria. Unter Brücken und Eisenbahnviadukten hindurch führt der Weg zum heissesten Abschnitt für Freiluftbars an der Limmat mit dem Unteren und dem Oberen Letten. Rund um das schmale Gelände bei den still gelegten Bahngeleisen geniessen Journalisten, Artworkers und Modefotografen die multikulturelle Küche mit asiatischen und südamerikanischen Spezialitäten. Auch das Seebad Enge ist an lauen Sommerabenden einen stimmige Bühne für Bar und Grill. Businessfrauen spannen in der Dämmerung in den Jogakursen ab; Enten leisten ihnen Gesellschaft. Zur Freiluftlounge wird auch das im Westen der Stadt gelegene Freibad Letzigraben, das vom Zürcher Architekten Max Frisch erbaut wurde. Als Schriftsteller brachte es Frisch mit Werken wie „Stiller“ oder „Mein Name sei Gantenbein“ zu Weltruhm.
Openair-Kinos und -Veranstaltungen
Die Zürcher sehen nicht ein, warum sie sich im Sommer in klimatisierte Kinosälen aufhalten sollen und verlagern ihre Leinwände ins Freie. Kaum eine Parkanlage oder ein Schulhof, der bei warmem Wetter nicht in ein Freiluftkino umfunktioniert wird. Einmal flimmert es auf dem Kanzleiareal, einmal im Irchelpark, dann wieder am Röschibachplatz. Das grösste Kino-Openair ist das von einem Telekommunikationskonzern gesponserte Orange Cinema in der Parkanlage Zürihorn, wo die Leute auch Schlange stehen, wenn es regnet. Weniger bekannte und kommerzielle Filme zeigt auf der anderen Seeseite das alternative Kulturzentrum Rote Fabrik. Wer neben der Leinwand eine fabelhafte Rundsicht auf die Stadt geniessen möchte, fährt mit der Uetlibergbahn auf den Zürcher Hausberg Uetliberg ans Kino am Berg. Openair ist auch für Theater und Live-Bands angesagt.
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